Das sind Fragen, mit denen Eltern häufig konfrontiert sind und auf die ich in meiner täglichen Arbeit selbst immer wieder antworte. Die Entwicklung des Sehens geschieht nämlich nicht über Nacht. Sie verläuft schrittweise und vor allem in einem sehr frühen Lebensabschnitt, in dem das Gehirn besonders empfänglich für Reize aus der Umwelt ist. Genau deshalb ist es wichtig, was ein Kind in den ersten Lebensjahren sieht und wie es seine Umwelt erlebt.
Das Sehvermögen eines Kindes entwickelt sich langsam. Im ersten Lebensjahr erreicht es etwa die Hälfte der Sehschärfe eines Erwachsenen. Mit drei Jahren ist sie bereits deutlich besser, etwa bei achtzig Prozent, vollständig vergleichbar mit dem Erwachsenensehen wird sie jedoch erst ungefähr mit dem Schuleintritt. Das Farbsehen entwickelt sich wesentlich früher. Bereits um das erste Lebensjahr ist es nahezu so ausgeprägt wie bei Erwachsenen, auch wenn das Kind die Farben zu diesem Zeitpunkt noch nicht benennen kann.
Viele Eltern sorgen sich auch wegen des Schielens. Gelegentliches Schielen in den ersten Lebensmonaten kann völlig normal sein, da sich die Beweglichkeit und Koordination der Augenmuskeln erst entwickeln. Es tritt häufiger auf, wenn das Baby müde oder schläfrig ist. Bis zum dritten Lebensmonat reguliert sich dieser Zustand meist von selbst. Mit etwa sechs Monaten ist das räumliche Sehen in der Regel gut entwickelt, und das Kind blickt zuverlässig parallel. Hält das Schielen über diesen Zeitraum hinaus an, ist eine augenärztliche Untersuchung sinnvoll.
Die Sehschärfe wird von Kinderärztinnen und Kinderärzten regelmäßig bei den Vorsorgeuntersuchungen im Alter von drei und fünf Jahren überprüft. Zeigt sich dabei eine Sehschwäche, sollte die Abklärung durch eine Augenärztin oder einen Augenarzt erfolgen. Und dann sind da die Bildschirme.
Smartphones, Tablets und Computer schädigen die Augen zwar nicht direkt, können jedoch die Entwicklung des visuellen Systems maßgeblich beeinflussen. Einer der Gründe dafür ist, dass Bildschirme zweidimensional sind. Beim Betrachten eines Bildschirms hat ein Kind keine echte Möglichkeit, Entfernungen und Tiefen richtig einzuschätzen, was sich negativ auf die Entwicklung des räumlichen Sehens auswirken kann. Die Welt am Bildschirm ist flach, während die reale Umgebung dem Kind ständig neue Herausforderungen bietet, die es mit Augen und Körper gleichzeitig erfassen und bewerten muss.
Die ersten Lebensjahre sind zudem eine Phase äußerst intensiver Gehirnentwicklung. In dieser Zeit entstehen zahlreiche neue neuronale Verknüpfungen. Die Entwicklung basiert auf Bewegung, Berührung, Mimik und direkter Interaktion. Kinder lernen durch körperliche Erfahrungen, durch den Austausch mit Menschen in ihrer Umgebung und durch das Erkunden des Raumes. Bildschirme bieten dabei lediglich eine passive, einseitige Stimulation ohne echte Rückmeldung aus der Umwelt.
Der schnelle Bildwechsel auf dem Bildschirm beeinflusst zusätzlich die Fähigkeit zur Konzentration. Kinder gewöhnen sich an permanente Reize, was die Fähigkeit zur längeren Aufmerksamkeit und zur Verarbeitung von Details verringern kann. Später kann sich dies beim Übergang zum Lesen von Büchern oder bei ruhigem Spiel zeigen, wo mehr Ausdauer und Konzentration erforderlich sind. Bei manchen Kindern können auch Verhaltensauffälligkeiten oder eine verzögerte Sprachentwicklung auftreten. Darüber hinaus ersetzt Bildschirmzeit häufig Bewegung und Spielen im Freien. Das wirkt sich nicht nur auf die Sehentwicklung aus, sondern auch auf die Koordination, die räumliche Orientierung und die allgemeine körperliche Entwicklung.
All das mag beunruhigend klingen, doch es geht nicht darum, Eltern Angst zu machen. Ziel ist die Aufklärung. Die weltweiten Empfehlungen der WHO sowie die Leitlinien von Pädiatern und Ophthalmologen sind eindeutig: Kinder unter zwei Jahren benötigen keine Bildschirme. Zwischen dem zweiten und fünften Lebensjahr sollte die Bildschirmzeit auf weniger als eine Stunde pro Tag begrenzt sein.
Wenn ein Kind bereits Bildschirme nutzt, ist es wichtig, dass Erwachsene dabei sind, qualitativ hochwertige Inhalte auswählen, auf einen angemessenen Sehabstand und gute Beleuchtung achten und regelmäßige Pausen einlegen.
Am wichtigsten ist jedoch die Erkenntnis, dass Bildschirme im Vorschulalter die Entwicklung nicht beschleunigen. Häufig nehmen sie dem Kind sogar Zeit und Erfahrungen, die später nicht mehr nachgeholt werden können. Statt einer Zeichentrickserie auf dem Tablet können wir gemeinsam ein Bilderbuch anschauen, miteinander sprechen, singen, am Boden spielen oder nach draußen gehen und die Welt beobachten.
Genau dort in Bewegung, in Beziehung und in der realen Umgebung entwickelt sich das kindliche Sehen am natürlichsten und am gesündesten.
