Trockene Augen werden oft als unangenehme Begleiterscheinung des modernen Lebens wahrgenommen etwas, das wir langer Bildschirmarbeit oder trockener Luft zuschreiben. In der Ordination zeigt sich jedoch sehr schnell, dass es bei vielen Menschen um weit mehr als nur eine gelegentliche Belastung geht. Als Ophthalmologe begegne ich täglich Patientinnen und Patienten, bei denen das trockene Auge ihr Wohlbefinden, ihre Konzentration und ihre Lebensqualität erheblich beeinträchtigt. Genau deshalb habe auch ich begonnen, diese Erkrankung in den letzten Jahren anders zu betrachten als früher.
Lange Zeit haben wir das trockene Auge vor allem lokal behandelt mit verschiedenen Augentropfen und Salben. Obwohl konservierungsmittelfreie künstliche Tränen und entzündungshemmende Medikamente weiterhin die Basis der Therapie bilden, wird zunehmend klar, dass der Behandlungserfolg nicht nur davon abhängt, was wir ins Auge geben. Wissenschaftliche Studien weisen immer häufiger auf die Rolle des Mikrobioms hin eines komplexen Ökosystems von Mikroorganismen, das einen wesentlichen Einfluss auf das Immunsystem hat. Ist dieses Gleichgewicht gestört, kann es zu chronischen Entzündungen kommen, die sich nicht nur im Darm oder in der Mundhöhle, sondern auch an der Augenoberfläche und im Tränenfilm zeigen.
In der Behandlung des trockenen Auges denke ich heute daher immer häufiger ganzheitlich. Auch wenn wir das Mikrobiom noch nicht gezielt therapieren können, lässt sich sein Einfluss indirekt durchaus beeinflussen. Ernährung, Lebensstil und alltägliche Gewohnheiten haben oft einen größeren Einfluss auf den Krankheitsverlauf, als man vermuten würde. Eine ausgewogene Ernährung, reich an Ballaststoffen und fermentierten Lebensmitteln, sowie der überlegte Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln können dazu beitragen, entzündliche Prozesse im Körper zu reduzieren. Ebenso wichtig ist eine regelmäßige und korrekte Lidrandhygiene, die hilft, das Gleichgewicht des okulären Mikrobioms zu erhalten und das Wachstum von Bakterien zu verhindern, die die Verdunstung der Tränen fördern.
Einen besonderen Stellenwert in der modernen Therapie nehmen auch Methoden ein, die direkt an den Ursachen des trockenen Auges ansetzen. Bei vielen Betroffenen liegt das Problem in einer eingeschränkten Funktion der Meibom-Drüsen, die für die Stabilität des Tränenfilms verantwortlich sind. In solchen Fällen kommen Verfahren wie die Lichttherapie OptiLight zum Einsatz, die Entzündungen am Lidrand lindert, sowie die LipiFlow-Therapie, bei der durch kontrollierte Wärme und Druck verstopfte Drüsen geöffnet und ihre Funktion wieder angeregt wird. Diese Ansätze bieten nicht nur kurzfristige Linderung, sondern ermöglichen eine nachhaltigere und langfristige Verbesserung des Zustands.
Heute verstehe ich das trockene Auge als ein Krankheitsbild, das einen individuellen und ganzheitlichen Ansatz erfordert. Wenn wir moderne diagnostische und therapeutische Möglichkeiten mit einem Verständnis für die umfassenderen Prozesse im Körper verbinden, können wir unseren Patientinnen und Patienten mehr bieten als nur eine vorübergehende Symptomlinderung. Ziel der Behandlung ist nicht nur, trockene Augen zu reduzieren, sondern dass sich die Betroffenen im Alltag besser und entspannter fühlen.
